Vorbei sind die Zeiten, wo Baumeister unabhängig von Baustil
und Baumode Gebäude mit langer Haltbarkeit konstruierten, die mit geringem Unterhalt und wenig Heizenergie
ihren Zweck erfüllten. Der Umbruch geschah in den Jahren 1910 bis 1930. Damals verzweigte sich das Bauwesen
in Architektur-Design und industrielles Bauen. Der Architekt als Baumeister hatte ausgedient. Eine sich weltweit
elitär gebärdende Architektensekte gibt seitdem den Kurs an. Der Geburtsort dieser Bewegung war Dessau,
und das umjubelte Kind hieß Bauhaus.
Die Kehrseite dieser Baurevolution wird jedoch bis heute verkannt. Während die Architekten dem freien Grundriß
huldigten, sich vom Ornament befreiten und die flächige Auflösung des Raums kaprizierten, verluderte
die bautechnische Kompetenz zusehends. Das neue Bauen bescherte uns energieverschwendende Häuser mit Bauschäden
und Schimmelpilz wie Beton-Großstaffelbauten.
Jedermann kann feststellen, daß gute Altbauten bis Jahrgang 1925/30 heute nur zwischen zwei und drei Liter
Heizöl pro Kubikmeter beheiztem Gebäudevolumen und Jahr benötigen. Gebäude der Jahrgänge
bis 1965/70 verbrauchen dagegen fünf bis acht Liter. Noch grotesker ist der Verbrauch "superwärmegedämmter
Gebäude" aus den Jahren 1975/1980: Sie verbrauchen oft zehn bis 15 Liter pro Kubikmeter und Jahr.
Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Altbauten, die keine Wärmedämmung im heutigen Sinne aufweisen,
haben schwere Wände von 40 bis 80 Zentimeter Dicke mit hoher Wärmespeicherung. Große Wandstärken
verzögern auch überproportional den Wärmeabfluß von innen nach außen. Ob konventionell
verputzt oder mit Naturstein verkleidet, ihre Materialschichtungen wirken als Soptionskette. Dieser "Sorptionsmotor"
garantiert eine anteilsmäßige Entfeuchtung der Wohnräume. Neue Gebäude jedoch haben leichtere
und dünnere Wände mit feuchtesperrenden Super-Wärmedämmungen. In der effektiven Wärmebilanz
sind sie massiven Altbauwänden weit unterlegen - ganz abgesehen davon, daß "moderne" Gebäudehüllen
vielfach schon nach zehn bis 15 Jahren restlos versagen. Altbaufassaden funktionieren aber meistens noch nach 100
Jahren einwandfrei. Die Bauhaus-Ästhetik hat hohen Anteil an dieser Fehlentwicklung. Zeilen- und Punktbauweise,
falsch konstruierte Flachdächer und glatte Fassaden entlarven sich als immense Energieverschleuderer. Auch
das ästhetisch geforderte, doch strahlungsreflektierende Weiß der Fassaden ist aus energetischer Sicht
nicht nachvollziehbar.
Demgegenüber erweist sich die Plastizität von Gründerzeitfassaden als äußerst vorteilhaft
für den Energiehaushalt. Tief strukturierte Fensternischen ergeben energetisch wirksame Luftstaupolster vor
Abkühlflächen aus Glas. Gesimse funktionieren nicht nur als Wind- und Schallbrecher, sondern sie dienen
auch als Fassadenentwässerungen und vermindern ein Auskühlen der Wand durch abfließendes Regenwasser
über mehrere Geschosse. An- und Vorbauten, Erker und Balkone verändern im aerodynamischen Bereich laminare
Luftströmungen in turbulente, was den Energieverbrauch eines Gebäudes zusätzlich reduziert.
Aus alldem ergibt sich: Wir haben ein Bauproblem und kein Energieproblem am Bau. Deshalb sind die auf falsche Berechnungsgrundlagen
gestützten und k-Wert-orientierten Wärmeschutzverordnungen ein Irrweg. Zwischen den gesetzlich vorgeschriebenen
"k-Werten" und dem realen Energieverbrauch eines Gebäudes sind keine signifikanten Korrelationen
beobachtbar.
Der k-Wert beschreibt die Energiemenge in Watt pro Quadratmeter und Grad Temperaturdifferenz (W/m²k), die
durch eine Baukonstruktion unter Laborbedingungen zur Kaltseite abfließt. Baufachleute warnen seit Jahrzehnten
vor einer Favorisierung dieses Wertes. Nur in Ausnahmefällen ist eine Übereinstimmung zwischen k-Wert-bezogenen
Energiebedarfswerten und dem tatsächlichen Energieverbrauch eines Gebäudes festzustellen. Dennoch wird
an diesem unbewiesenen k-Wert-Modell dogmatisch festgehalten. Auch bei der anstehenden Debatte zur Energiesparverordnung
99 (ESV 99) im Januar 1997 wird es so sein.
In der Konsequenz führte und führt die heutige Dämmhysterie zu dem Paradox, daß Gebäude
in traditioneller Mauertechnik nicht mehr errichtet werden dürfen, weil sie den theoretisch geforderten k-Werten
nicht genügen. Doch es ist umgekehrt: Die Baufachleute vor dem Beton-, Blech- und Glasfassadenzeitalter und
selbst die alten Römer haben gescheiter und qualitativ besser gebaut - auch ohne Wärmeschutzverordnung. |