WIRTSCHAFT

Bauschäden wegen Energiepolitik

EMPA-Projekt Fassadenschutz:

Werden Forschungsgelder des Bundes vergeudet?

Aargauer Zeitung, Limmattaler Zeitung, Dienstag, 11. April 2000

Paul Bossert arbeitet seit 30 Jahren als Architekt und Gutachter für Bauen und Energie in Dietikon/Kanton Zürich

von Dipl.-Ing./Arch. Paul Bossert
Präsident des Verwaltungsrat
UNIVERSE Architecture and Engineering Ltd.
Dietikon, Schweiz

 

Schimmelpilze im Innern und Algenbildungen auf den Hausfassaden – Ursache von Bauschäden. Ein Projekt der ETH-Annexanstalt EMPA soll Mittel und Wege finden, wie das im Rahmen der geltenden Energiepolitik zu verhindern ist. Der Autor Paul Bossert, Architekt und Bauingenieur in Dietikon, kritisiert den seiner Ansicht nach falschen Ansatz der gängigen Wärmedämmungsphilosophie.

Im neuerstellten Gebäude der EMPA-Akademie in Dübendorf fanden zwei Bau-Fachtagungen über die Gebäudehülle statt. Das Tagungsthema rankte sich im Wesentlichen um bekannte Bauschäden, verursacht durch Schimmelpilze im Gebäudeinnern und um Algenbildungen auf Fassaden. Über die eigentlichen Schadenursachen erfuhr der Tagungsteilnehmer nichts, weil die EMPA gleichzeitig und weitgehend die Mitverursacherin dieser Schäden selbst ist. Die EMPA propagiert nämlich seit Jahren einseitig die Favorisierung von Wärmedämmstoffen auf Fassaden zur Energieeinsparung beheizter Bauten, und löst damit eben diese Bauschäden aus, obwohl die Energieeffizienz derartiger Konstruktionen im Vergleich nicht nachgewiesen ist. Tatsache ist, dass die EMPA, als Forschungsabteilung der ETH, die baufachlich notwendigen Untersuchungen in diesem Bereich seit Jahren vernachlässigt hat.

Vorgreifend sei erwähnt, dass am Schluss der Tagung bekanntgegeben wurde, dass im Rahmen eines Projektes des Bundes vier Abteilungen der EMPA (Bauphysik, Biologie, Bauschäden und Korrosion) für 820'000 Franken herausfinden wollen, wie man die Algenflut auf schweizerischen Fassaden bekämpfen und vermeiden kann. Die EMPA will somit Steuergelder für die Problemlösung der Zulieferindustrie im Bereich Kunststoffe verwenden. Das darf nicht sein.

Folgewirkung untauglicher Werkstoffe

Um was geht es im Speziellen? Bildungen von Schimmelpilzen und Algen an Aussenwänden sind die direkte Folge des Einsatzes untauglicher Werkstoffe, die angeblichen zur Senkung des Energieverbrauchs auf Fassaden aufgebracht werden. Mehrheitlich werden für Aussendämmungen Polystyrol und Mineralfasern verwendet. Bereits in den sechziger Jahren war unter Baufachleuten bekannt, dass Polystyrol wohl ein gutes Verpackungsmaterial ist und sich auch für bestimmte Anwendungen auf der Baustelle eignet, doch auf Fassaden ist das Material aus baufachlicher Sicht ungeeignet. Vor allem sind im Falle der Anwendung von Polystyrol folgende Punkte zu reklamieren:

Die Haltbarkeit des aufgebrachten Kunststoffverputzes ist gering, weil organische Bindemittel nicht wetterbeständig sind. Zur Vermeidung von Spannungsrissen werden in der Regel nur helle bzw. weisse Verputze verwendet, die das Sonnenlicht weitgehend reflektieren, was eine schlechte Nutzung der passiven Sonnenenergie zur Folge hat. Polystyrol stellt als Fassaden-Dämmstoff, wie bereits verschiedene Brandfälle bezeugen, ein inakzeptables Brandrisiko dar, und Resonanzbildungen führen zu störenden Baumängeln im Schallbereich.

Weil Polystyrol wasserdicht ist und deshalb in Aussenwänden kein Wassertransport stattfinden kann, steigt die Raumluftfeuchtigkeit in Wohnungen im Winter auf über 60 Prozent relativer Feuchte an, was die Bildung von Milben begünstigt. Bei Wärmebrücken - vor allem im Fensterbereich - sind oft Schimmelpilzbildungen zu beobachten. Sporen von Schimmelpilzen sind Mitverursacher von Asthmaerkrankungen.

Milben hingegen belasten das menschliche Immunsystem indem sie Allergien fördern. Ausserdem belegen Energie-Verbrauchs-Analysen, dass Bauten mit Aussendämmungen aus Polystyrol und Mineralfasern im allgemeinen das Zwei- und Mehrfache an Heizenergie benötigen, als Altbauten der Baujahrgänge 1850 bis 1950, welche keine Wärmedämmungen im heutigen Sinne aufweisen

Herkömmliche Systeme vernachlässigt.

Tatsache ist, dass die EMPA bis heute keine Untersuchungen über die Energie-Effizienz moderner Wandkonstruktionen im Vergleich zu herkömmlichen Systemen durchführen liess, obwohl sie seit vielen Jahren darauf hingewiesen wird, dass gravierende Energieverbrauchs-Differenzen bestehen.

Weil heute der Einsatz von Bioziden und anderen Giften in Fassadenverputzen verboten ist, stellen sich nun aber landesweit Algenverschmutzungen auf Fassaden ein, die jedoch nur einen rein ästhetischen Mangel darstellen. Obwohl die Mängel hinsichtlich Haltbarkeit, Gesundheitsgefährdung und Energieeffizienz seit Jahrzehnten bekannt sind, thematisiert die EMPA erst heute diese Problematik, wo es nur um rein ästhetische Bauschäden geht.

Doch nun wird die EMPA von ihrer Vergangenheit eingeholt. Im Jahre 1978 beschlossen Angestellte der EMPA, dass zur Energieeinsparung nur die alleinige Verbesserung der Wärmedämmung ausreichend sei und deshalb Polystyrol und auch andere, rein auf Wärmedämmung ausgerichtete Dämmstoffe, genügen würden. Bessere, damals noch erhältliche Werkstoffe, die den restlichen baufachlichen Anforderungen korrekt genügten, hatten dadurch keine Absatzchancen mehr. Die Fabrikationen wurden eingestellt.

Diese Sicht der Dinge, dass nur die Wärmedämmung allein selig machend zur Energieeinsparung sei, gilt heute als doktrinär herrschende Lehrmeinung. Die erforderlichen wissenschaftlichen Experimente, die beweisen würden, dass die Massnahmen richtig seien, wurden bis dato nicht durchgeführt. Generell glauben Politiker und auch das Bundesamt für Energie (BFE) in Bern sowie die Vertreter der kantonalen Energiefachstellen an die alleinige Wirksamkeit dieser Wärmedämm-Doktrin.

Weil alles irgendwie immer mit allem zusammenhängt, führte diese Doktrin in der Schweiz zu generell falschen Energiegesetzen und logischerweise zu einem permanenten Ansteigen des Energieverbrauchs, der Asthmaerkrankungen und Allergien. Auch der programmierte Misserfolg der Bundesaktion "ENERGIE 2000" wird dadurch erklärbar. Der in Bälde eidgenössisch empfohlene "MINERGIE-Standard" jedenfalls wird den künftigen Energieverbrauch von beheizten Hochbauten in ungeahnte Höhen steigern. Doch es scheint, dass die Verantwortlichen an den Hochschulen und im BFE ihren Weg unbeirrt weitergehen werden.

Sollte der Bund und die EMPA dieses Algenprojekt durchziehen, kann dies als Legalisierung falscher Theorien und Energiegesetze sowie untauglicher Bausysteme zu Lasten des Volkes ausgelegt werden. Die nichtvorhandene Energieeffizienz der ungeprüften Systeme wäre als ein Vergehen gegen die Eidgenössische Energiegesetzgebung zu verstehen.

Um das Algenproblem auf Fassaden zu lösen, braucht man nur die anerkannten Regeln der Baukunst zu beachten und nicht vier EMPA-Abteilungen die 820'000 Franken Steuergelder in den Sand setzen. Wie man Algenbildung auf Fassaden vermeidet, hat ein Baufachmann zu wissen, zumahl die Methode seit 2000 Jahren bekannt ist. Wie dies auf Dämmstoffen zu geschehen habe, weiss man EMPA-intern seit über 50 Jahren.

Fazit: Für 340.- Franken Tagungsgeld (inkl. Fachbuch und Mittagessen) erfuhren die Teilnehmer an der EMPA-Akademie, welche Bauschäden die Einhaltung der ETH- EMPA- und somit auch SIA-Empfehlungen und SIA-Normen zur Folge haben. Die Erwartungen der Tagungsteilnehmer bezüglich Problemlösungen hinsichtlich Schimmelpilzbildung und Algenbefall wurden weitestgehend nicht erfüllt.

PAUL BOSSERT, CH – 8953 DIETIKON, ARCHITEKT UND BAUINGENIEUR
 

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