Leserbrief zu
"Nicht während des Spiels die Spielregeln verändern"

Paul Bossert arbeitet seit 30 Jahren als Architekt und Gutachter für Bauen und Energie in Dietikon/Kanton Zürich

von Dipl.-Ing./Arch. Paul Bossert
Präsident des Verwaltungsrat
UNIVERSE Architecture and Engineering Ltd.
Dietikon, Schweiz

 

Energiestadt-Dietikon?

Die Schweizer/innen sollen mit dem CO2-Gesetz den Ausstoss von Kohlendioxyd senken, um das Klima zu schützen, derweil Bundespräsident Moritz Leuenberger dem Volk mit der CO2-Abgabe droht, falls keine Treib- und Brennstoffe eingespart werden. Das grösste Energie-Einsparpotential liegt bei Heizung und Warmwasser, die rund 50 Prozent des schweizerischen Energieverbrauchs ausmachen.

Nebst vielen Einzelsparmassnahmen setzt man gesetzlich/offiziell auf verbesserte Wärmedämmung bei Gebäuden und Anlagen. Neustes Ziel des Staates ist die Durchsetzung des nichterprobten MINERGIE-Standards!

Es ist richtig, Heizanlagen, Heiz- und Warmwasserleitungen sowie Estrichböden und Kellerdecken mit wirksamen Wärmedämmungen zu versehen. Bei Wärmedämmungen im Fassadenbereich aber, wird es sehr kritisch, weil die eingestrahlte Sonnenenergie nicht genutzt werden kann, was zu hohen Investitions- und Energieschäden führt.

Der nachfolgende Energievergleich beweist, dass Bauten der Jahre 1850 bis 1950, wegen guter passiver Sonnenenergienutzung, in der Regel weniger Heizenergie verbrauchen als die hoch wärmegedämmten Neubauten und die Energie-Sanierungen der letzten 20 Jahre.

Spezifischer Energieverbrauch in Schulhäusern und Städtischen Liegenschaften der Stadt Dietikon
Quelle: Offizielle Geschäftsberichte der Stadt Dietikon von 1993 bis 2000

                     

Mittel

Mittel

Baujahr

Objekte > 1000 m²

EBF

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

93-00

96-00

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

MJ/m²a

1970/95*

Schulhaus Luberzen

6934

945

884

913

783

617

525

455

489

701

574

1899/77

Bürohaus Bremg.-Str. 23

1461

665

785

758

620

567

617

566

531

639

580

1966

Altersheim Ruggacker

7412

471

559

591

617

564

572

544

561

560

572

1965

Schulhaus Fondli

5285

582

539

546

518

430

440

453

391

487

446

1992

Stadthaus neu

6453

     

372

339

392

379

347

366

366

1956/86*

Schulhaus Steimürli

4249

307

365

359

422

308

350

365

339

352

357

1960/82*

Schulhaus Wolfsmatt

6730

313

345

337

356

332

353

365

309

339

343

1992

Stadthaus total

10609

345

324

342

355

316

355

344

314

337

337

1908/32

Zentral-Schulhaus

13106

263

293

297

302

281

315

364

324

305

317

1842

Stadthaus alt

1064

     

324

245

251

244

222

257

257

Bezeichnungen:

EBF in m²  =  Energiebezugsfläche = Bruttogeschossfläche (BGF)
MJ/m²a  =  Spezifischer Energieverbrauch pro m² Jahr, bei "Mittel" aufsteigend geordnet
*  =  Energiesanierung mit Wärmedämmung und neuer Heizung
100 MJ/m²a  =  ca. 28 kWh Energie/m²a = ca. 2,8 m³ Erdgas/m²a = ca. 2.8 Liter Heizöl pro m² und Jahr

Kommentar:

Trotz der Wärmedämmsanierung (U-Wert neu: 0,25 W/m²K) im Jahr 1995 ist das Schulhaus "Luberzen" mit 701 Megajoule pro Quadratmeter und Jahr - von 1993 bis 2000 - Spitzenreiter in Sachen "Energieverschleuderung." Vergleicht man nur die vergangenen 5 Jahre, so liegt "Luberzen" immer noch auf dem zweitletzten Rang. Die Effizienz der Sanierungskosten von über 5 Millionen Franken ist deshalb nicht gegeben.

Auch beim Schulhaus "Wolfsmatt", das im Jahr 1982 energietechnisch saniert wurde, stellte sich nie eine nennenswerte Energieeinsparung ein. Mindestens 1.5 Millionen Franken der damaligen Investition erbrachten keine Wirkung. Da man seinerzeit nicht bei allen Sanierungsmassnahmen die Dauerhaftigkeit beachtete, muss das Schulhaus "Wolfsmatt" demnächst wieder saniert werden.

Beim neuen Stadthaus kann der Aufwand der baulichen Fehl-Investition für das energieunwirksame Zweischalenmauerwerk auf 3 Millionen Franken geschätzt werden. Dazu kommt ein zusätzliches Bauschadenrisiko für den vorzeitigen Ersatz der äussern Mauerschale.

Am wenigsten Energie verbrauchen das alte Stadthaus und das Zentral-Schulhaus. Hätte man das alte Stadthaus nicht mit weisser Dispersionsfarbe gestrichen, würde der Energieverbrauch unter 200 MJ/m²a liegen. Wegen dieser Farbe, die stellenweise schon wieder schadhaft ist, sind auch die neu beobachtbaren Verputzrisse entstanden.

Der aussergewöhnlich hohe Energieverbrauch des 1899 erbauten "Bürohauses" an der Bremgartnerstrasse 23 bildet vermutlich die Ausnahme zur oben erwähnten Regel. In solchen Fällen ist die Erstellung einer genauen Energie-Verbrauchs-Analyse (EVA) von Vorteil. Diese gibt darüber Aufschluss, ob das Gebäude eine weiterhin nutzenswerte Bausubstanz aufweist und ob sich künftige Sanierungen gesamtwirtschaftlich auszahlen.

Die jährlich anfallenden Energieschäden kosten die Steuerzahler/innen in Dietikon folgende Beträge:

Gebäude   Energieschaden geschätzt in Franken
Schulhaus "Wolfsmatt"

Fr. 1.50/m²a = ca. Fr. 10'000.00/Jahr

Stadthaus Neu Fr. 2.50/m²a = ca. Fr. 15'000.00/Jahr
Schulhaus "Luberzen" Fr. 5.00/m²a = ca. Fr. 35'000.00/Jahr

CH - 8953 DIETIKON, 10. Juli 2001, PAUL BOSSERT, ARCHITEKT UND BAUINGENIEUR
 

Publikationenweiter
Copyright © 2001 Paul Bossert, UNIVERSE Architecture and Engineering Ltd.